Manche Menschen reagieren scheinbar auf alles: auf bestimmte Speisen, auf Duftstoffe, auf Hitze, auf Stress – mit Hautrötungen, Herzrasen, Magen-Darm-Beschwerden, Benommenheit. Die Beschwerden wechseln, treten in Schüben auf und lassen sich schwer einordnen. Hinter einem solchen Bild kann ein Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) stecken – der vierte der Wege, auf denen Histamin zum Problem wird. Anders als bei einer reinen Abbaustörung liegt das Problem hier in einer überschießenden Freisetzung.
Was beim Mastzellaktivierungs-syndrom geschieht
Mastzellen gehören zum Immunsystem. Sie sitzen dort, wo der Körper Kontakt zur Außenwelt hat – in Haut, Schleimhäuten, Atemwegen und Darm – und speichern eine ganze Reihe von Botenstoffen. Neben Histamin sind das unter anderem Leukotriene und Prostaglandine. Bei einer normalen Immunreaktion setzen sie diese gezielt frei, etwa zur Abwehr.
Beim MCAS sind die Mastzellen überempfindlich. Sie schütten ihre gespeicherten Botenstoffe durch individuelle Auslöser übermäßig aus, ohne dass eine echte Bedrohung vorliegt.1 Das Entscheidende: Es werden nicht zu viele Mastzellen gebildet, und es entsteht auch nicht zu viel Histamin an sich – die vorhandenen Zellen setzen zu viel frei. Deshalb spricht man von einer Freisetzungsproblematik.
Der Unterschied zur Mastozytose
Beide Begriffe werden oft verwechselt, meinen aber Verschiedenes. Bei der Mastozytose vermehren sich die Mastzellen krankhaft, ihre Anzahl ist also erhöht; die Erkrankung ist genetisch bedingt und wird unter anderem über eine Knochenmarkdiagnostik gesichert.3 Beim MCAS ist die Zahl der Mastzellen normal, sie sind aber überaktiv. Weil eine Mastozytose ernste Formen annehmen kann, gehört ihr Ausschluss in fachärztliche Hände.
Warum die Beschwerden so schwer zu fassen sind
Weil Mastzellen überall im Körper sitzen und ihre Botenstoffe auf viele Organe wirken, sind die Beschwerden vielfältig und wechselnd – Haut, Magen-Darm-Trakt, Kreislauf, Kopf und Atemwege können gleichzeitig oder nacheinander betroffen sein. Welche Beschwerden im Einzelnen auftreten, ist im Beitrag zur Histaminintoleranz ausführlicher beschrieben.
Dazu kommt, dass die Auslöser individuell sind. Bei dem einen sind es bestimmte Lebensmittel, bei der anderen Stress, Temperaturwechsel, körperliche Anstrengung oder Duftstoffe. Diese Kombination aus vielen möglichen Beschwerden und vielen möglichen Triggern macht das Bild unübersichtlich – für Betroffene und für Behandelnde.
Ein wichtiger Hinweis: In seltenen, schweren Fällen kann eine Mastzellreaktion bis zu einem Kreislaufschock (Anaphylaxie) reichen. Wer schon einmal eine solche schwere Reaktion hatte, braucht ärztliche Betreuung und im Zweifel ein Notfallset – das ist kein Feld für eine rein begleitende Behandlung.
Die schwierige Diagnostik
Einen einzelnen, einfach zu erhebenden Test, der ein MCAS beweist, gibt es nicht. Der wichtigste Labormarker ist die Tryptase im Blut, ein Enzym aus den Mastzellen. Aussagekräftig ist weniger der einzelne Wert als sein Anstieg im Schub: Als Kriterium gilt ein Anstieg um mehr als 20 Prozent über den persönlichen Ausgangswert plus 2 ng/ml.1
Warum die Schub-Messung im Alltag oft scheitert
Genau hier liegt die praktische Hürde. Die Tryptase steigt nur während einer akuten Reaktion an und ist außerhalb des Schubs meist normal. Man müsste also im richtigen Zeitfenster messen – doch Betroffene sind selten genau dann in der Praxis, wenn ein Schub läuft. In einer Praxis mit Terminvorlauf und ohne Akutsprechstunde ist eine solche Schub-Messung kaum darstellbar. Deshalb bleibt ein normaler Tryptase-Wert wenig aussagekräftig: Er schließt ein MCAS nicht aus.
Zwei Wege in der Fachwelt
In der Diagnostik stehen sich zwei Sichtweisen gegenüber. Die eine besteht auf strengen Laborkriterien, allen voran dem Tryptase-Anstieg.1 Die andere hält die heute verfügbaren Marker für zu begrenzt und stellt das klinische Bild in den Vordergrund; sie diagnostiziert MCAS auch dann, wenn das überzeugende Beschwerdemuster und das Ansprechen auf die Behandlung dafür sprechen, ohne dass ein Laborwert es beweist.2 Ergänzend lassen sich Abbauprodukte im 24-Stunden-Sammelurin bestimmen, etwa Methylhistamin, ein Prostaglandin-Abbauprodukt und Leukotrien E4. Auch diese Werte sind schubabhängig und empfindlich in der Handhabung – die Proben müssen gekühlt werden –, sodass falsch-negative Ergebnisse häufig sind.
Die Versorgungslücke
Für Betroffene ist all das mehr als eine akademische Frage. MCAS ist vielen Hausärzten wenig vertraut, und spezialisierte Anlaufstellen sind rar. Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck ist ein ausgewiesenes Zentrum für Mastzellerkrankungen – nimmt aber, wie es auf seiner Seite vermerkt, aus Kapazitätsgründen derzeit keine neuen MCAS-Patienten mehr auf. Das zeigt, wie eng das Angebot ist.
Der Weg vieler Betroffener zieht sich entsprechend: lange Wartezeiten, zunächst der Versuch mit hochdosierten Antihistaminika, und erst wenn diese nicht ausreichen, eine weitergehende Abklärung. Bis zu einer Einordnung vergehen oft Monate, in denen die Beschwerden unerklärt bleiben.
Wie ich in meiner Praxis mit MCAS arbeite
Meine Rolle ist hier klar umrissen. Die Diagnosestellung und der Ausschluss ernster Erkrankungen wie einer Mastozytose gehören zu den Spezialisten. Was ich anbiete, ist die Einordnung eines unklaren Beschwerdebildes und eine begleitende Behandlung.
Für die Einschätzung stütze ich mich auf das klinische Bild und einen Biofeldtest, ergänzt um ausgewählte Laboruntersuchungen. Eine Tryptasebestimmung im Schub führe ich bewusst nicht durch – sie wäre in meinem Praxisalltag ohne Akutsprechstunde nicht sinnvoll darstellbar. Der Biofeldtest ist ein Erfahrungsverfahren und kein laborchemisch validierter Test.
In der begleitenden Behandlung greifen mehrere Bausteine ineinander. Es gibt Stoffe, die die Mastzellen stabilisieren, darunter Cromoglicinsäure oder der Pflanzenstoff Quercetin. Dazu kommen eine individuell angepasste Ernährung, der Aufbau des Darms und – oft der wichtigste Punkt – der Umgang mit Stress. Denn Stress ist bei der Mastzellaktivierung ein zentraler Auslöser; ohne ihn einzubeziehen, bleibt die Ernährung allein meist wirkungslos.
Der Zusammenhang mit Infekten
Seit einigen Jahren wird ein Zusammenhang zwischen durchgemachten Virusinfekten und einer veränderten Aktivität der Mastzellen zunehmend untersucht, besonders im Rahmen anhaltender Beschwerden nach einer Infektion. Auffällig ist, dass auch jüngere Menschen betroffen sind, die zuvor nie solche Reaktionen kannten. Die Studienlage dazu ist noch jung, und die Zusammenhänge sind nicht abschließend geklärt. Für Betroffene ist zunächst entlastend zu wissen, dass ihre Beschwerden ein erklärbares Muster haben können.
Was das für Sie bedeutet
Wenn Sie sich in diesem Bild wiedererkennen – wechselnde Beschwerden in mehreren Organen, ausgelöst durch ganz unterschiedliche Reize –, dann nehmen Sie es ernst und suchen Sie eine fachliche Abklärung, gerade wenn schwere Reaktionen vorkommen. Ein normaler Laborwert schließt ein MCAS nicht aus, und die Suche nach einer Anlaufstelle kann dauern. Zugleich lässt sich begleitend einiges tun, um die Reizschwelle zu senken und den Alltag ruhiger zu machen.
Wie ich Nahrungsmittelunverträglichkeiten in meiner Praxis abkläre und begleite, lesen Sie auf der entsprechenden Seite. Die Einordnung von MCAS in das größere Bild der Histaminbeschwerden finden Sie im Beitrag zur Histaminintoleranz.
Foto: ilona titova
FAQ – Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen MCAS und einer Mastozytose?
Bei der Mastozytose ist die Zahl der Mastzellen krankhaft erhöht, die Erkrankung ist genetisch bedingt. Beim Mastzellaktivierungssyndrom ist die Zahl der Mastzellen normal, sie sind aber überaktiv und setzen zu viele Botenstoffe frei. Die Symptome ähneln sich, die Ursache ist verschieden.
Warum ist ein MCAS so schwer zu diagnostizieren?
Der wichtigste Marker, die Tryptase, steigt nur im akuten Schub an und ist sonst meist normal. Da Betroffene selten genau im Schub untersucht werden, bleibt die Messung oft ohne Ergebnis. Ein einzelner beweisender Test fehlt, weshalb das klinische Bild eine große Rolle spielt.
Schließt ein normaler Tryptase-Wert ein MCAS aus?
Nein. Ein normaler Wert außerhalb eines Schubs sagt wenig aus und schließt ein MCAS nicht aus. Aussagekräftig ist vor allem ein Anstieg während einer akuten Reaktion.
Was kann einen MCAS-Schub auslösen?
Die Auslöser sind individuell. Häufig sind bestimmte Lebensmittel, Stress, Temperaturwechsel, körperliche Anstrengung oder Duftstoffe. Ein Ernährungs- und Beschwerdetagebuch hilft, die persönlichen Trigger einzukreisen.
Was lässt sich bei MCAS außerhalb von Medikamenten tun?
Begleitend spielen die Ernährung, der Aufbau des Darms und vor allem der Umgang mit Stress eine große Rolle, da Stress ein zentraler Auslöser ist. Es gibt zudem mastzellstabilisierende Stoffe wie Cromoglicinsäure oder Quercetin.
Ist ein MCAS gefährlich?
Meist verläuft es als belastende, aber nicht lebensbedrohliche Erkrankung. In seltenen, schweren Fällen sind aber ausgeprägte Reaktionen bis zum Kreislaufschock möglich. Wer solche schweren Reaktionen hatte, braucht ärztliche Betreuung und gegebenenfalls ein Notfallset.
- Valent P, Hoermann G, Bonadonna P, et al. Why the 20% + 2 Tryptase Formula Is a Diagnostic Gold Standard for Severe Systemic Mast Cell Activation and Mast Cell Activation Syndrome. Int Arch Allergy Immunol. 2019. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7115850/
- Afrin LB, Ackerley MB, Bluestein LS, et al. Diagnosis of mast cell activation syndrome: a global »consensus‑2«. Diagnosis (Berl). 2020;8(2):137–152. doi:10.1515/dx-2020–0005
- Theoharides TC, Valent P, Akin C. Mast Cells, Mastocytosis, and Related Disorders. N Engl J Med. 2015;373(2):163–172. doi:10.1056/NEJMra1409760
- Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck – Sprechstunde Mastozytose und Mastzellaktivierungssyndrom (Angaben zur Versorgungslage).
Diese Information ersetzt keine ärztliche Beratung.