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Frau sitzt entspannt auf dem Sofa, eine Hand ruht auf dem Bauch – Symbolbild für Verdauungsbeschwerden bei durchlässiger Darmbarriere (Leaky Gut)

Leaky Gut: was hin­ter der durch­läs­si­gen Darm­bar­rie­re steckt

Anhal­ten­de Bauch­be­schwer­den, Unver­träg­lich­kei­ten, Müdig­keit, ein dif­fu­ses Krank­heits­ge­fühl – und beim Gas­tro­en­te­ro­lo­gen dann der Satz: »Alles in Ord­nung.« Die Darm­spie­ge­lung war unauf­fäl­lig, bis auf viel­leicht einen klei­nen Poly­pen. Vie­le Betrof­fe­ne gehen mit die­sem Befund nach Hau­se und füh­len sich trotz­dem nicht gesund. Der Grund kann in etwas lie­gen, das eine nor­ma­le Spie­ge­lung gar nicht zeigt: einer durch­läs­sig gewor­de­nen Darm­bar­rie­re, im Popu­lä­ren »Leaky Gut« genannt.

Was die Darm­bar­rie­re leistet

Der Darm muss zwei Din­ge zugleich kön­nen: Nähr­stof­fe auf­neh­men und zugleich alles Schäd­li­che drau­ßen hal­ten. Die­se Gren­ze bil­det eine ein­zi­ge Lage von Zel­len. Abge­dich­tet wird sie durch fei­ne Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Zel­len, die soge­nann­ten Tight Junc­tions (enge Ver­schlüs­se, die den Spalt zwi­schen den Zel­len regeln). Sie ent­schei­den, was hin­durch­darf: klei­ne, fer­tig ver­dau­te Nähr­stof­fe ja, grö­ße­re Eiweiß­bruch­stü­cke und Kei­me nein.

Die­se Ver­schlüs­se sind nicht starr, son­dern wer­den aktiv gesteu­ert. Eine Schlüs­sel­rol­le spielt ein kör­per­ei­ge­ner Boten­stoff namens Zonu­lin: Er öff­net die Tight Junc­tions bei Bedarf und schließt sie wie­der. Solan­ge die­ses Auf und Zu im Gleich­ge­wicht ist, funk­tio­niert die Barriere.

Wenn die Bar­rie­re durch­läs­sig wird

Blei­ben die Tight Junc­tions zu weit oder zu lan­ge geöff­net, wird die Bar­rie­re durch­läs­sig. Jetzt gelan­gen auch grö­ße­re, noch nicht voll­stän­dig zer­leg­te Eiweiß­bruch­stü­cke in die tie­fe­ren Schich­ten der Darm­wand. Dort sitzt ein gro­ßer Teil des Immun­sys­tems. Die Abwehr­zel­len, vor allem Lym­pho­zy­ten, tref­fen auf die­se Fremd­ei­wei­ße und reagie­ren – mit einer loka­len Ent­zün­dung. So ent­steht ein Kreis­lauf, der Unver­träg­lich­kei­ten und Beschwer­den begüns­tigt und die Bar­rie­re wei­ter schwächt.

Hier lohnt eine ehr­li­che Ein­ord­nung. Der Begriff »Leaky Gut Syn­drom« ist umstrit­ten – die kon­ven­tio­nel­le Medi­zin erkennt ihn nicht als eigen­stän­di­ge Krank­heit an, und in Rat­ge­bern wird er oft als Erklä­rung für nahe­zu alles her­an­ge­zo­gen. Das Phä­no­men dahin­ter ist aber real und gut erforscht: Die erhöh­te Durch­läs­sig­keit der Darm­bar­rie­re, fach­lich die intesti­na­le Per­mea­bi­li­tät, ist in Tau­sen­den von Stu­di­en beschrie­ben und mit Reiz­darm, All­er­gien und Auto­im­mun­pro­zes­sen in Ver­bin­dung gebracht wor­den.1 Der Streit gilt also weni­ger der Sache als ihrem Namen: Die Bar­rie­restö­rung selbst ist wis­sen­schaft­lich gut belegt.Warum die nor­ma­le Darm­spie­ge­lung nichts findet

Das erklärt die Ent­täu­schung vie­ler Betrof­fe­ner. Bei anhal­ten­den Beschwer­den über­weist der Haus­arzt zur Darm­spie­ge­lung, die jedoch häu­fig ohne auf­fäl­li­gen Befund bleibt. Der Grund: Eine gewöhn­li­che Kolo­sko­pie zeigt die Ober­flä­che und sicht­ba­re Ver­än­de­run­gen wie Ent­zün­dun­gen oder Poly­pen. Eine durch­läs­si­ge Bar­rie­re ist aber kei­ne sicht­ba­re, struk­tu­rel­le Ver­än­de­rung, son­dern eine funk­tio­nel­le, mikro­sko­pi­sche. Mit blo­ßem Auge ist sie nicht zu erkennen.

Dass es sie trotz­dem gibt, lässt sich inzwi­schen sicht­bar machen. Mit der kon­fo­ka­len Laser-Endo­mi­kro­sko­pie (CLE) hat eine Kie­ler For­schungs­grup­pe um Prof. Annet­te Frit­scher-Ravens die Darm­schleim­haut in tau­send­fa­cher Ver­grö­ße­rung live unter­sucht. Nach Gabe eines Farb­stoffs und der Pro­vo­ka­ti­on mit typi­schen Aus­lö­ser-Lebens­mit­teln ließ sich in Echt­zeit beob­ach­ten, wie die Bar­rie­re auf­bricht und der Farb­stoff durch die ent­ste­hen­den Lecks aus­tritt.2 Die häu­figs­ten Aus­lö­ser waren dabei Wei­zen, Soja, Milch, Hefe und Hüh­ner­ei – die­sel­ben Grund­nah­rungs­mit­tel, die auch ich abklä­re. Bemer­kens­wert ist, dass die­se Reak­tio­nen nicht über den klas­si­schen All­er­gie-Mecha­nis­mus lau­fen: Sie sind eine eige­ne Form der Unver­träg­lich­keit, die die übli­che All­er­gie­dia­gnos­tik nicht erfasst.3 Die­se Metho­de ist eine gas­tro­en­te­ro­lo­gi­sche Spe­zi­al­tech­nik, die nur an weni­gen Zen­tren ange­bo­ten wird und die ich in mei­ner Pra­xis nicht durch­füh­re. Aber sie belegt ein­drück­lich: Aber sie führt ein­drück­lich vor Augen, dass die durch­läs­si­ge Bar­rie­re tat­säch­lich exis­tiert und sich unmit­tel­bar beob­ach­ten lässt.

Was die Bar­rie­re durch­läs­sig macht

Sel­ten ist es eine ein­zel­ne Ursa­che, meist kom­men meh­re­re Belas­tungs­fak­to­ren zusam­men. Eine gro­ße Rol­le spielt die typisch west­li­che Ernäh­rung mit stark ver­ar­bei­te­ten Lebens­mit­teln. Beson­ders gut unter­sucht ist das Wei­zen­ei­weiß Glia­din, das die Zonu­lin-Aus­schüt­tung anregt und die Tight Junc­tions öff­net – die­ser Effekt lässt sich sogar bei gesun­den Men­schen beob­ach­ten. Wei­te­re Fak­to­ren sind anhal­ten­der Stress, bestimm­te Medi­ka­men­te wie Anti­bio­ti­ka und Schmerz­mit­tel, regel­mä­ßi­ger Alko­hol­genuß, Belas­tun­gen mit toxi­schen Metal­len sowie ein Ungleich­ge­wicht der Darmflora.

Wie ich die Darm­bar­rie­re untersuche

Wie bei jedem unkla­ren Beschwer­de­bild zählt die Gesamt­schau aus Ana­mne­se, Beschwer­de­bild und Labor­wer­ten. Für die Darm­bar­rie­re stüt­ze ich mich auf zwei Blut­wer­te und zie­he bei Bedarf wei­te­re Mar­ker hin­zu, die Ihnen viel­leicht schon begeg­net sind.

Zonu­lin im Serum. Der Boten­stoff, der die Tight Junc­tions öff­net. Ein erhöh­ter Wert weist auf eine gestei­ger­te Durch­läs­sig­keit hin und eig­net sich gut, um den Ver­lauf einer Behand­lung zu verfolgen.

I‑FABP im Serum. Ein Eiweiß, das frei­ge­setzt wird, wenn Darm­schleim­haut­zel­len geschä­digt wer­den. Es zeigt eher die struk­tu­rel­le Belas­tung der Bar­rie­re an.

Cal­pro­tec­tin im Stuhl. Ein Ent­zün­dungs­mar­ker aus dem Darm, der ergän­zend zur Ein­ord­nung her­an­ge­zo­gen wer­den kann.

Alpha-1-Anti­tryp­sin im Stuhl. Ein Mar­ker, der auf den Über­tritt von Blut­ei­wei­ßen in den Darm hin­wei­sen kann.

In mei­ner Pra­xis stüt­ze ich mich auf Zonu­lin und I‑FABP im Blut; die bei­den Stuhl­mar­ker run­den das Bild ab. Alle die­se Wer­te sind in der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on nicht unum­strit­ten, wes­halb ich sie nie allein, son­dern immer im Zusam­men­hang mit dem kli­ni­schen Bild bewerte.

Par­al­lel nut­ze ich einen Bio­feld­test, um zu prü­fen, ob gleich­zei­tig Unver­träg­lich­kei­ten auf Grund­nah­rungs­mit­tel vor­lie­gen: die glu­ten­hal­ti­gen Getrei­de, Kuh‑, Schaf- und Zie­gen­milch­ei­weiß, Soja­pro­te­in, Hüh­ner­ei, Schwei­ne­fleisch, Hefe und Hül­sen­früch­te, bei denen auch die Lek­ti­ne (natür­li­che Pflan­zen­stof­fe, die die Darm­schleim­haut rei­zen kön­nen) eine Rol­le spie­len. Der Bio­feld­test ist ein Erfah­rungs­ver­fah­ren und kein labor­che­misch vali­dier­ter Test.

Wie sich die Bar­rie­re wie­der festigt

Die gute Nach­richt: Die Darm­bar­rie­re kann sich erho­len. Oft sind die Wer­te für Zonu­lin oder I‑FABP schon nach eini­gen Mona­ten wie­der im Nor­mal­be­reich. Meh­re­re Bau­stei­ne grei­fen dabei ineinander.

Aus­lö­sen­de Rei­ze mei­den. Zunächst wer­den die Lebens­mit­tel, die Ihre Bar­rie­re belas­ten, eine Zeit lang gemie­den – nicht für immer, son­dern bis sich die Schleim­haut beru­higt hat.

Die Darm­flo­ra auf­bau­en. Lös­li­che Bal­last­stof­fe die­nen den Darm­bak­te­ri­en als Nah­rung; aus ihnen bil­den sie Stof­fe, die die Schleim­haut­zel­len stär­ken. Bei Bedarf set­ze ich gezielt Pro­bio­ti­ka ein.

Die Bar­rie­re sta­bi­li­sie­ren. Ergän­zend nut­ze ich ein darm­sta­bi­li­sie­ren­des Kom­plex­prä­pa­rat sowie, wo es sinn­voll ist, eine beglei­ten­de Ent­gif­tung über einen Zeit­raum von eini­gen Monaten.

Den Stress ein­be­zie­hen. Anhal­ten­de Anspan­nung wirkt direkt auf die Darm­bar­rie­re. Ein Umgang mit Stress, der zu Ihrem All­tag passt, gehört des­halb fest dazu.

Bleibt die Bar­rie­re trotz die­ser Schrit­te hart­nä­ckig durch­läs­sig, den­ke ich auch an Umwelt­fak­to­ren wie eine Belas­tung mit Schwer­me­tal­len und klä­re die­se gege­be­nen­falls ab, um an der Ursa­che anzusetzen.

Was das für Sie bedeutet

Wenn Ihre Beschwer­den anhal­ten, obwohl die Darm­spie­ge­lung nichts gefun­den hat, muss das nicht bedeu­ten, dass nichts da ist. Eine durch­läs­si­ge Darm­bar­rie­re ist eine funk­tio­nel­le Stö­rung, die sich der Stan­dard­dia­gnos­tik ent­zieht, sich aber gezielt unter­su­chen und behan­deln lässt. Der Weg führt über die Ein­ord­nung der aus­lö­sen­den Fak­to­ren, eine pas­sen­de Ernäh­rung und den Auf­bau des Darms.

Wie die Darm­bar­rie­re bei Schild­drü­sen­er­kran­kun­gen mit­spielt, lesen Sie im Bei­trag zu Hash­i­mo­to und dem Darm. Wie ich Nah­rungs­mit­tel­un­ver­träg­lich­kei­ten ins­ge­samt abklä­re und beglei­te, fin­den Sie auf der ent­spre­chen­den Seite.

Foto: Jacob Wacker­hau­sen

FAQ – Häu­fig gestell­te Fragen

Ist Leaky Gut eine aner­kann­te Krankheit? 

Der Begriff »Leaky Gut Syn­drom« ist als eigen­stän­di­ge Dia­gno­se umstrit­ten. Das zugrun­de lie­gen­de Phä­no­men, die erhöh­te Durch­läs­sig­keit der Darm­bar­rie­re, ist dage­gen wis­sen­schaft­lich gut beschrie­ben und mit ver­schie­de­nen Beschwer­den in Ver­bin­dung gebracht worden.

Eine gewöhn­li­che Darm­spie­ge­lung zeigt sicht­ba­re Ver­än­de­run­gen wie Ent­zün­dun­gen oder Poly­pen. Eine durch­läs­si­ge Bar­rie­re ist eine funk­tio­nel­le, mikro­sko­pi­sche Stö­rung, die mit blo­ßem Auge nicht zu erken­nen ist. Sie lässt sich nur mit spe­zi­el­len Ver­fah­ren sicht­bar machen oder über Labor­wer­te einordnen.

Im Blut las­sen sich Zonu­lin und I‑FABP bestim­men, ergän­zend im Stuhl Cal­pro­tec­tin und Alpha-1-Anti­tryp­sin. Kei­ner die­ser Wer­te ist für sich allein bewei­send; aus­sa­ge­kräf­tig wer­den sie im Zusam­men­hang mit dem kli­ni­schen Bild.

Meist wir­ken meh­re­re Fak­to­ren zusam­men: eine stark ver­ar­bei­te­te Ernäh­rung, das Wei­zen­ei­weiß Glia­din, anhal­ten­der Stress, bestimm­te Medi­ka­men­te wie Anti­bio­ti­ka und Schmerz­mit­tel, Alko­hol und ein Ungleich­ge­wicht der Darmflora.

Ja. Mit dem Mei­den aus­lö­sen­der Rei­ze, dem Auf­bau der Darm­flo­ra, einer Sta­bi­li­sie­rung der Schleim­haut und dem Ein­be­zie­hen von Stress kann sich die Bar­rie­re erho­len. Oft nor­ma­li­sie­ren sich die Labor­wer­te nach eini­gen Monaten.

Das Wei­zen­ei­weiß Glia­din regt die Aus­schüt­tung von Zonu­lin an, das die Ver­schlüs­se zwi­schen den Darm­zel­len öff­net. Die­ser Effekt zeigt sich sogar bei gesun­den Men­schen und macht Glu­ten zu einem der am bes­ten unter­such­ten Auslöser.

 

  1. Camil­le­ri M. Leaky gut: mecha­nisms, mea­su­re­ment and cli­ni­cal impli­ca­ti­ons in humans. Gut. 2019;68(8):1516–1526. doi:10.1136/gutjnl-2019–318427
  2. Frit­scher-Ravens A, Schup­pan D, Ell­rich­mann M, et al. Con­fo­cal endo­mic­ro­sco­py shows food-asso­cia­ted chan­ges in the intesti­nal muco­sa of pati­ents with irri­ta­ble bowel syn­dro­me. Gas­tro­en­te­ro­lo­gy. 2014;147(5):1012–1020.e4. doi:10.1053/j.gastro.2014.07.046
  3. Frit­scher-Ravens A, Pflaum T, Mösin­ger M, et al. Many Pati­ents With Irri­ta­ble Bowel Syn­dro­me Have Aty­pi­cal Food All­er­gies Not Asso­cia­ted With Immu­no­glo­bu­lin E. Gas­tro­en­te­ro­lo­gy. 2019;157(1):109–118.e5. doi:10.1053/j.gastro.2019.03.046

Die­se Infor­ma­ti­on ersetzt kei­ne ärzt­li­che Beratung.

Artikel von
Kai Stefan Haschke
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