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Ballaststoffreiche Ernährung stabilisiert die Darmbarriere bei Hashimto

Hash­i­mo­to und der Darm: war­um die Immun­ab­wehr im Bauch mitentscheidet

Vie­le Men­schen mit Hash­i­mo­to sind medi­ka­men­tös gut ein­ge­stellt – und füh­len sich trotz­dem nicht gesund. Die Schild­drü­sen­wer­te lie­gen im Ziel­be­reich, L‑Thyroxin ist genau dosiert, und den­noch blei­ben Müdig­keit, Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me, ein trä­ger Ver­dau­ungs­trakt oder Gewichts­pro­ble­me. Die­se Grup­pe ist groß. Für sie lohnt der Blick an eine Stel­le, die in der Stan­dard­be­hand­lung sel­ten geprüft wird: den Darm.

Eine Hash­i­mo­to-Thy­reo­idi­tis ist eine Auto­im­mun­erkran­kung. Das Immun­sys­tem rich­tet sich gegen die eige­ne Schild­drü­se. L‑Thyroxin ersetzt das Hor­mon, das die ent­zün­de­te Schild­drü­se nicht mehr aus­rei­chend bil­det. Es beein­flusst aber nicht, war­um das Immun­sys­tem aus dem Takt gera­ten ist. Genau dort setzt eine ursa­chen­ori­en­tier­te Betreu­ung an – und der Darm ist einer der Orte, an denen sich die­se Ursa­chen­su­che lohnt.

Was der Darm mit der Schild­drü­se zu tun hat

Ein gro­ßer Teil des Immun­sys­tems sitzt in der Darm­wand. Zwi­schen dem Darm­in­ne­ren und dem Blut liegt eine ein­la­gi­ge Zell­schicht, abge­dich­tet durch soge­nann­te Tight Junc­tions (enge Zell­ver­bin­dun­gen, die regeln, was pas­sie­ren darf und was nicht). Funk­tio­niert die­se Bar­rie­re, gelan­gen nur fer­tig ver­dau­te Nähr­stof­fe ins Blut.

Ist die Bar­rie­re durch­läs­sig – in der Fach­li­te­ra­tur als Leaky Gut oder Tight Junc­tion Dis­or­der beschrie­ben –, pas­sie­ren auch grö­ße­re, noch nicht voll­stän­dig zer­leg­te Eiweiß­bruch­stü­cke die Darm­wand. Im Blut trifft das Immun­sys­tem auf die­se Bruch­stü­cke und reagiert.

Bei Hash­i­mo­to-Betrof­fe­nen fin­den sich Hin­wei­se auf genau die­se Durch­läs­sig­keit. Meh­re­re Stu­di­en haben erhöh­te Zonu­lin-Wer­te gemes­sen – Zonu­lin ist ein kör­per­ei­ge­ner Boten­stoff, der die Tight Junc­tions öff­net und als Mar­ker für eine durch­läs­si­ge Darm­bar­rie­re gilt. In einer Unter­su­chung an Kin­dern und Jugend­li­chen mit Hash­i­mo­to lag der Zonu­lin-Wert deut­lich höher als in der Ver­gleichs­grup­pe.1 Eine Stu­die an 77 erwach­se­nen Hash­i­mo­to-Pati­en­tin­nen und ‑Pati­en­ten kam zu einem ähn­li­chen Ergeb­nis und ord­net Zonu­lin als mög­li­chen Mar­ker ein, der eine durch­läs­si­ge Darm­bar­rie­re mit der Ent­ste­hung von Auto­im­mun­erkran­kun­gen ver­bin­det.2 Eine wei­te­re Arbeit fand bei Hash­i­mo­to zusätz­lich Ver­än­de­run­gen der Darm­flo­ra.3

Die­se Stu­di­en zei­gen einen Zusam­men­hang, kei­nen abschlie­ßen­den Beweis für Ursa­che und Wir­kung. Die Teil­neh­mer­zah­len sind klein. Aber die Hin­wei­se ver­dich­ten sich, und sie pas­sen zu einem Mecha­nis­mus, der gut beschrie­ben ist.

Die immu­no­lo­gi­sche Schie­ne – und was nur par­al­lel läuft

Hier lohnt eine Unter­schei­dung, die in vie­len Rat­ge­bern fehlt. Beschwer­den nach dem Essen kön­nen zwei ver­schie­de­ne Ursa­chen haben, die neben­ein­an­der bestehen, aber unter­schied­lich wirken.

Die eine ist die immu­no­lo­gi­sche Schie­ne. Bestimm­te Nah­rungs­ei­wei­ße akti­vie­ren bei durch­läs­si­ger Bar­rie­re das Immun­sys­tem. Dis­ku­tiert wird dabei auch die mole­ku­la­re Mimi­kry (das Immun­sys­tem bil­det Abwehr gegen ein Nah­rungs­ei­weiß, das kör­per­ei­ge­nen Struk­tu­ren ähnelt, und greift dann auch die­se an).3 Für Hash­i­mo­to sind vor allem die immu­no­gen wir­ken­den Eiwei­ße rele­vant: Glu­ten, Kuh­milch­ei­weiß (manch­mal auch Schaf- und Zie­gen­milch), Soja­pro­te­in, Hüh­ner­ei, bei man­chen Men­schen auch Schwei­ne­fleisch. Die­se Pro­te­ine kön­nen das Immun­sys­tem akti­vie­ren und so zur Ent­zün­dungs­last bei­tra­gen, die hin­ter der Auto­im­m­un­re­ak­ti­on steht.

Die ande­re Schie­ne sind Unver­träg­lich­kei­ten wie Laktose‑, Fruk­to­se- oder Hist­amin­in­to­le­ranz. Sie ver­ur­sa­chen oft sehr ähn­li­che Beschwer­den – Blä­hun­gen, Bauch­schmer­zen, Unwohl­sein. Sie akti­vie­ren aber nicht das Immun­sys­tem auf die­sel­be Wei­se. Für die Lebens­qua­li­tät sind sie wich­tig. Für die auto­im­mu­ne Kom­po­nen­te bei Hash­i­mo­to sind die immu­no­ge­nen Eiwei­ße die rele­van­te­re Spur.

Wer bei­de Schie­nen ver­mischt, behan­delt am Ziel vor­bei. Des­halb prü­fe ich in der Betreu­ung bei­des getrennt.

Glu­ten: dif­fe­ren­ziert statt pauschal

Im Inter­net gilt häu­fig die Regel: Hash­i­mo­to bedeu­tet glu­ten­frei. So ein­fach ist die Daten­la­ge nicht.

Eine viel zitier­te Pilot­stu­die fand, dass eine glu­ten­freie Ernäh­rung die Schild­drü­sen-Anti­kör­per leicht senk­te – ohne dass sich TSH oder die Schild­drü­sen­hor­mo­ne änder­ten. Die Autoren wei­sen selbst auf die Gren­zen hin: klei­ne Grup­pe, kur­ze Dau­er, nicht ran­do­mi­siert.4 Eine Über­sichts­ar­beit aus dem Jahr 2025 konn­te nur drei kon­trol­lier­te Stu­di­en mit zusam­men 110 Per­so­nen aus­wer­ten und fand ins­ge­samt unein­heit­li­che Ergeb­nis­se.5

Inter­es­sant wird es bei der Unter­grup­pe: Frau­en mit einer nach­ge­wie­se­nen Glu­ten­sen­si­ti­vi­tät (Nicht-Zöli­a­kie-Glu­ten­sen­si­ti­vi­tät) zei­gen ein ande­res Immun-Anti­kör­per-Mus­ter als Frau­en ohne die­se Emp­find­lich­keit. Eine Glu­ten­ka­renz spricht eher bei ihnen an – wobei sich das eher in den Immun­mar­kern und im Befin­den zeigt als in den Schild­drü­sen­hor­mo­nen.6

Dar­aus folgt für mich ein kla­rer Punkt. Glu­ten ist bei man­chen Men­schen mit Hash­i­mo­to ein Pro­blem, bei ande­ren nicht. Eine pau­scha­le Emp­feh­lung, alles weg­zu­las­sen, trifft die einen unnö­tig hart und hilft den ande­ren wenig. Sinn­vol­ler ist, her­aus­zu­fin­den, wel­che Eiwei­ße bei Ihnen per­sön­lich das Immun­sys­tem beschäf­ti­gen – und nur die­se gezielt zu meiden.

Wie ich den Darm bei Hash­i­mo­to untersuche

Für die Darm­bar­rie­re bestim­me ich zwei Wer­te im Blut: Zonu­lin und I‑FABP (ein Eiweiß, das bei Schä­di­gung der Darm­schleim­haut­zel­len frei­ge­setzt wird). Nach mei­ner dia­gnos­ti­schen Les­art zeigt Zonu­lin eher die aku­te, ent­zünd­lich gepräg­te Durch­läs­sig­keit an, I‑FABP eher eine län­ger bestehen­de, struk­tu­rel­le Schä­di­gung. So bekom­me ich ein Bild davon, in wel­chem Zustand die Bar­rie­re ist.

Wel­che Lebens­mit­tel Sie per­sön­lich belas­ten, tas­te ich gemein­sam mit Ihnen über einen Bio­feld­test her­aus. Geprüft wer­den die Grund­nah­rungs­mit­tel: die glu­ten­hal­ti­gen Getrei­de­sor­ten (Wei­zen, Din­kel, Hafer, Rog­gen, Gers­te, Grün­kern), Kuh‑, Schaf- und Zie­gen­milch­ei­weiß, Soja­pro­duk­te, Hüh­ner­ei, Nacht­schat­ten­ge­wäch­se sowie Lak­to­se, Fruk­to­se und Hist­amin. Der Bio­feld­test ist ein Erfah­rungs­ver­fah­ren und kein labor­che­misch vali­dier­ter Test; ich nut­ze ihn als prak­ti­schen Weg, um mit Ihnen eine indi­vi­du­el­le Aus­wahl ein­zu­gren­zen, die wir anschlie­ßend gemein­sam überprüfen.

Was die Darm­bar­rie­re stärkt

Wenn die Bar­rie­re durch­läs­sig ist, geht es dar­um, sie zu sta­bi­li­sie­ren und die aus­lö­sen­den Eiwei­ße eine Zeit lang zu mei­den. Meh­re­re Bau­stei­ne grei­fen ineinander.

Bal­last­stof­fe. Die meis­ten Men­schen essen zu wenig davon. Dabei sind sie die Nah­rung der Darm­flo­ra. Aus Bal­last­stof­fen bil­den Darm­bak­te­ri­en kurz­ket­ti­ge Fett­säu­ren, vor allem Buty­rat. Buty­rat ist die wich­tigs­te Ener­gie­quel­le der Darm­schleim­haut­zel­len und stärkt die Tight Junc­tions – das ist in Zell­stu­di­en und an mensch­li­chem Darm­ge­we­be gut belegt.7 Mehr Bal­last­stof­fe, mög­lichst aus unver­ar­bei­te­ten pflanz­li­chen Lebens­mit­teln, sind des­halb ein zen­tra­ler Hebel.

Pro­bio­ti­ka. Zeigt sich ein Ungleich­ge­wicht der Darm­flo­ra, set­ze ich gezielt Pro­bio­ti­ka ein, abge­stimmt auf den jewei­li­gen Befund.

Karenz und Ersatz. Die belas­ten­den Eiwei­ße wer­den tem­po­rär gemie­den – nicht für immer, son­dern bis sich die Bar­rie­re beru­higt hat. Wich­tig ist, sie durch gleich­wer­ti­ge Lebens­mit­tel zu erset­zen, damit kei­ne Lücken in der Ver­sor­gung entstehen.

Die ein­fa­chen Din­ge. Aus­rei­chend trin­ken und regel­mä­ßi­ge Bewe­gung wir­ken auf die Ver­dau­ung und die Darm­flo­ra und gehö­ren dazu.

Ein Wort zu IgG-Tests

Bei man­chen Men­schen mit dem Ver­dacht auf vie­le Unver­träg­lich­kei­ten kann eine Blut­un­ter­su­chung auf IgG-Anti­kör­per gegen Nah­rungs­mit­tel sinn­voll sein – und zwar auf alle vier Unter­klas­sen (IgG1 bis IgG4), nicht allein auf das in Ver­ruf gera­te­ne IgG4. Wich­tig ist die Rei­hen­fol­ge: Ein sol­cher Test ist erst aus­sa­ge­kräf­tig, wenn die Darm­bar­rie­re geprüft ist. Bei durch­läs­si­ger Bar­rie­re zeigt er sonst vie­le Tref­fer auf ein­mal und bil­det eher die Durch­läs­sig­keit ab als eine ech­te Unver­träg­lich­keit. Als Stan­dard­dia­gnos­tik für jeden chro­nisch ent­zün­de­ten Pati­en­ten hal­te ich ihn nicht für sinn­voll. Die aus­führ­li­che, auch kri­ti­sche Ein­ord­nung dazu fin­den Sie auf der Sei­te zu Nah­rungs­mit­tel­un­ver­träg­lich­kei­ten.

Was das für Sie bedeutet

Wenn Sie trotz gut ein­ge­stell­ter L‑Thy­ro­xin-The­ra­pie nicht zur Ruhe kom­men, kann der Darm einer der Ansatz­punk­te sein, die in der rei­nen Hor­mon­be­hand­lung offen­blei­ben. Die Dia­gnos­tik macht sicht­bar, ob die Bar­rie­re durch­läs­sig ist und wel­che Eiwei­ße Sie per­sön­lich belas­ten. Dar­auf lässt sich eine Ernäh­rung und ein Darm­auf­bau abstim­men, der zu Ihnen passt – statt nach all­ge­mei­nen Verbotslisten.

Wie eine ursa­chen­ori­en­tier­te Hash­i­mo­to-Behand­lung in mei­ner Pra­xis abläuft, von der Dia­gnos­tik bis zum Darm­auf­bau, lesen Sie auf der ent­spre­chen­den Seite.

 

Foto: iStock alva­rez

FAQ – Häu­fi­ge Fragen

Kann eine Darm­the­ra­pie mei­ne Hash­i­mo­to-Erkran­kung heilen? 

Nein. Hash­i­mo­to ist eine Auto­im­mun­erkran­kung, die sich bis­her nicht hei­len lässt. Eine Darm­the­ra­pie kann mög­li­che Aus­lö­ser der Ent­zün­dungs­last ange­hen und Beschwer­den lin­dern. Eine ärzt­lich ver­ord­ne­te Hor­mon­the­ra­pie ersetzt sie nicht.

Nicht zwin­gend. Die Stu­di­en­la­ge recht­fer­tigt kei­ne pau­scha­le Emp­feh­lung für alle. Bei man­chen Men­schen mit Hash­i­mo­to bringt eine Glu­ten­ka­renz etwas, bei ande­ren nicht. Ob Glu­ten Sie per­sön­lich belas­tet, lässt sich gezielt her­aus­fin­den, statt es vor­sorg­lich für alle wegzulassen.

Eine Laktose‑, Fruk­to­se- oder Hist­amin­in­to­le­ranz ver­ur­sacht Beschwer­den, akti­viert aber nicht in glei­cher Wei­se das Immun­sys­tem. Immu­no­gen wir­ken­de Eiwei­ße wie Glu­ten oder Kuh­milch­ei­weiß kön­nen dage­gen eine Immun­re­ak­ti­on aus­lö­sen, die zur Ent­zün­dungs­last bei Hash­i­mo­to bei­trägt. Bei­des kann neben­ein­an­der bestehen.

Im Blut las­sen sich Zonu­lin und I‑FABP bestim­men. Zonu­lin gilt als Mar­ker für eine durch­läs­si­ge Bar­rie­re, I‑FABP weist auf eine Schä­di­gung der Darm­schleim­haut­zel­len hin.

Darm­bak­te­ri­en bil­den aus Bal­last­stof­fen kurz­ket­ti­ge Fett­säu­ren wie Buty­rat. Buty­rat ist die wich­tigs­te Ener­gie­quel­le der Darm­schleim­haut­zel­len und stärkt die Ver­bin­dun­gen zwi­schen ihnen. Zu wenig Bal­last­stof­fe schwä­chen die Darm­flo­ra und damit die Barriere.

Bei begrün­de­tem Ver­dacht auf vie­le Unver­träg­lich­kei­ten kann er wei­ter­hel­fen, aber erst nach Abklä­rung der Darm­bar­rie­re und über alle vier IgG-Unter­klas­sen. Als Stan­dard­test für jede chro­ni­sche Ent­zün­dung ist er nicht geeignet.

  1. Küçü­kem­re Aydın B, et al. Child­ren with Hashimoto’s Thy­ro­idi­tis Have Increased Intesti­nal Per­mea­bi­li­ty: Results of a Pilot Stu­dy. J Clin Res Pediatr Endo­cri­nol. 2020. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31990165/
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  4. Kry­si­ak R, Szkrób­ka W, Oko­pień B. The Effect of Glu­ten-Free Diet on Thy­ro­id Auto­im­mu­ni­ty in Drug-Naï­ve Women with Hashimoto’s Thy­ro­idi­tis: A Pilot Stu­dy. Exp Clin Endo­cri­nol Dia­be­tes. 2019;127(7):417–422. doi:10.1055/a‑0653–7108
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  7. Acu­te Effects of Buty­ra­te on Indu­ced Hyper­per­mea­bi­li­ty and Tight Junc­tion Pro­te­in Expres­si­on in Human Colo­nic Tis­sues. 2020. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7277647/
Artikel von
Kai Stefan Haschke
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